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Gesamtkonzeption zur Familienarbeit


Konzept & Arbeitshilfe für Erziehungsfamilien und Wohngruppen der
Ev.-luth. Jugendhilfe Bockenem e. V.


Vorbemerkung:

In den letzten Jahren sind einige Untersuchungen zur Wirkung der erzieherischen Hilfen erschienen. Deren Aussagen beziehen sich zum einen auf die Wirksamkeit der Strukturen und Prozesse, die wir in den erzieherischen Hilfen gestalten und zum anderen auf die pädagogischen Inhalte unserer Hilfeangebote. Da ich davon ausgehe, dass alle, die diese Arbeit tun, in höchstem Maß an einer erfolgreichen Entwicklung der Kinder, Jugendlichen und Familien interessiert sind und damit letztlich auch an einer erfolgreichen und befriedigenden eigenen Arbeit, sollten wir unsere Unterstützungs- und Hilfeangebote so gestalten, dass wir diese Entwicklungs-erfolge auch erzielen können. Wir können im Rahmen unserer Hilfeangebote dabei auf vier Faktoren Einfluss nehmen. Die Reduktion der Symptome bei den Kindern und Jugendlichen, den Aufbau ihrer Kompetenzen, die Kooperationsprozesse mit den Eltern und die Qualität unserer Strukturen und Prozesse dazu. In den Untersuchungen für den Erfolg der Hilfen kommt der Familienarbeit auch und gerade in den "stationären Bereichen" mit die größte Bedeutung zu und zwar in Bezug auf die Dauer und den Umfang der erzielten Veränderung in den Familien.

Diese Konzeption soll nun innerhalb unseres Bereiches die Einordnung der Familienarbeit in ein Gesamtkonzept ermöglichen. Sie beschreibt eine Grundhaltung zur Familienarbeit, nennt Ziele und Methoden und stellt einen Zusammenhang mit den Leistungsbeschreibungen her und ergänzt diese.

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Wegbeschreibung:

In unserem Arbeitsfeld bewegen wir uns immer wieder in vermeintlichen Spannungsfeldern, müssen schwierigste Abwägungsprozesse vornehmen. Mit der Mentalität von Dschungel- führern versuchen wir uns durchs Dickicht zu schlagen, um gemeinsam mit Familien, Kindern und Jugendlichen einen Weg zu finden. Diese Arbeitshilfe kann dabei wie eine Landkarte verstanden werden, die eine Orientierung ermöglichen soll. Manchmal sind eingezeichnete Wege jedoch plötzlich unpassierbar, Flüsse angeschwollen und man muss sich neu überlegen, ob vielleicht eine andere Richtung eingeschlagen werden muss.

Ziel der Arbeit:

Unsere Zusammenarbeit mit Familien verfolgt das Ziel, mögliche Spannungen zwischen institutioneller und familiärer Erziehung zu verringern, durch Informations-, Beratungs-,Trainings- und Therapieangebote an die Eltern die gemeinsamen Erziehungserfolge zu erhöhen und die Familien damit in ihrer Fähigkeit zur Selbsthilfe zu stärken. Als übergreifendes Ziel unserer Familienarbeit gilt, dass wir Mütter, Väter und Kinder dabei unterstützen wollen, tragfähige und befriedigende Beziehungen zu entwickeln, Krisensituationen erst gar nicht entstehen zu lassen oder bei ihrem Auftreten gemeinsam zu bewältigen. Gemeinsam gehen wir davon aus, dass dabei alle Familienmitglieder Anspruch auf gegenseitigen Respekt und unsere Achtung davor haben, sich weiter entwickeln zu wollen, um aus einer schwierigen Situation wieder herauszufinden.

Grundlagen:

Wir gehen von der Überlegung aus, dass viele Symptome der Adressaten ihren Ursprung nicht nur in der individuellen biographischen Entwicklung haben, sondern im Netz ihrer für sie relevanten Beziehungen. Das heißt, wir begreifen ihr Verhalten und ihre Symptome nicht als feste Eigenschaften. Wir müssen uns mehr nach dem Sinnzusammenhang, nach deren Bedeutung im Kontext der jeweiligen Biographie fragen.
Deshalb nehmen wir an, dass jedes Verhalten eine Vielzahl von Gründen hat und müssen damit der Frage nachgehen, wie und durch welche Faktoren eine Symptomatik aufrechterhalten wird und welche "Kommunikations- und Interaktionsmuster dabei eine Rolle spielen".1
Dabei sind wir nicht objektive Betrachter dieser Familiensysteme, sondern können aufgrund unserer subjektiven Sichtweise den Klienten nur Ideen anbieten, die diese auf ihre Aussagekraft hin selbst prüfen müssen. Dies bedeutet aber auch, dass wir für eine solche Thesenbildung einen gut strukturierten Austausch von Informationen mit den Adressaten herstellen müssen und mit ihnen ebenso das Ziel der gemeinsamen Aktion aushandeln. Indem wir in diesem Maß Einfluss auf die Selbstreflexion des Adressaten nehmen, ist er in der Lage seine Veränderungsprozesse selbst zu steuern
Wenn wir mit Familien, Kindern und Jugendlichen in diesem Kontext arbeiten folgen wir der Idee "Weg vom Symptom" und damit " Hin zum Ziel".2

Konkret bedeutet dies:

Die gemeinsame Basis ist die Sorge um die förderliche Entwicklung des Kindes. Selbst wenn unterschiedliche Erziehungsstile oder unterschiedliche Auffassungen zu einzelnen Punkten der Erziehung vorhanden sind, sollte immer wieder diese gemeinsame Basis ins Blickfeld gerückt werden.

Wir gehen eine Partnerschaft auf Zeit ein. Partnerschaft setzt Wärme und Offenheit voraus und die Bereitschaft, auch wenn es zu schwierigen Situationen miteinander kommt weiter zu kooperieren.

Eine positive Einstellung gegenüber den Eltern, die die Eltern annimmt, deren Selbstbewusstsein stärkt und sie berät und ihnen letztlich die Verantwortlichkeit für ihr Kind überlässt, ist  Grundvoraussetzung für die pädagogische Arbeit.

Wir brauchen ein sensibles Vorgehen im Hinblick auf Problemlage und Lebenssituation der Familie, die auch das Wertesystem der Eltern berücksichtigt und Interventionen an die individuellen Gegebenheiten der Familie anpasst.

Erst durch dieses Herangehen entsteht die Basis für das Aussprechen schwieriger Problem– und Konfliktlagen in den Familien und damit letztlich die Möglichkeit der Beteiligten, sich weiter zu entwickeln und Lösungen zu erarbeiten.

Ziel unserer Arbeit ist es eine hilfreiche Verständigung zwischen Kindern und Eltern herstellen zu können und zerstörerische Handlungen zwischen den Familienmitgliedern unterbrechen zu können.

Ein bedeutendes Ziel unserer Familienarbeit ist es, Unterstützungsmöglichkeiten bereitzustellen, um elterliche Aufgaben wieder wahrnehmen zu können, ihre Autorität wieder zu erlangen und alternative Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln oder / und es dem Kind oder Jugendlichen zu ermöglichen, seinen eigenen Weg in der Beziehungsgestaltung zu seinen Eltern zu finden.

Letztlich sollten wir uns schrittweise wieder aus der Kontrolle und Verantwortung für das Kind zurückziehen, wenn die Familie verstärkt Teile der Verantwortung wieder übernehmen möchte oder kann.


Handlungsfelder:

Familienkooperation:

Wir arbeiten mit den Familien zusammen, um die Erziehung der Kinder und Jugendlichen gemeinsam durchzuführen. Grundelemente dieser Zusammenarbeit sind der Austausch von Informationen, die Koordination der unterschiedlichen Alltagssettings sowie die Gestaltung der Übergabesituationen zwischen den Alltagsnotwendigkeiten. Als weitere Elemente kommen die Abstimmung der Gestaltung der Alltagssituationen bzw. von Erziehungsstilen hinzu.

Hierzu werden von uns wöchentliche Elterntelefonate und als gleichwertiges Element die Bring- und Abholsituationen von Kindern und Jugendlichen genutzt. Diese Gespräche planen, führen und werten, die für die Kinder und Jugendlichen zuständigen Pädagogen und Pädagoginnen aus.
Außerdem können weitere Angebote für Eltern, wie Freizeitangebote, gemeinsame Aktionen etc., dieses Angebot erweitern und gezielt ergänzen.

Systematische Familienberatung:

Systematische Familienberatung wird von uns mit dem Ziel begonnen, dass das Verhalten des Kindes / Jugendlichen nur verstanden werden kann, wenn wir den familiären Kontext der Entwicklung des Verhaltens kennen. In Bezug auf die künftige Beziehungsgestaltung zu den Eltern kann es uns auch nur dann wirksam und nachhaltig gelingen das Geflecht der Beziehung zwischen Eltern und Kindern zu verändern, wenn wir an beiden "Seiten" des Systems mit unserer Arbeit ansetzen.

Das bedeutet auch, dass wir unsere Arbeit strukturell und inhaltlich so gestalten, dass dieses Ziel auch zu erreichen ist. Hiermit steuern wir entscheidend die Qualität unseres pronellen- Handelns durch die Gestaltung unserer Prozesse und Inhalte. Es wird Auseinandersetzung gefördert, indem Konflikte und Spannungen in der Zusammenarbeit mit den Eltern eingebracht werden. Dabei gehen wir von folgenden Grundlagen aus:

  • Regelmäßige Gespräche schaffen Verbindlichkeiten, wobei klare Positionen und Vereinbarungen von besonderer Bedeutung sind.

  • Wir bieten Familien dadurch Sicherheit an, dass wir Verantwortung für die Struktur der Gespräche übernehmen.

  • Eltern und Pädagogen übernehmen eine gemeinsame Erziehungsfunktion. Dies bedeutet gleichzeitig aber auch, mit Familien über die Wirkungen ihrer bisherigen Handlungen zu sprechen und nach Möglichkeiten zu suchen hier etwas "anders" zu machen.

  • Klares Ansprechen dient der Förderung von Verantwortungsübernahme durch die Eltern.

  • Wenn auch kontrollierende Funktionen in Bezug auf das "Kindeswohl" wahrzunehmen sind, müssen diese Elemente klar mit den Familien thematisiert werden.

  • Die Beratung dient auch der Reflexion des Erziehungsstils, normativer Werthaltungen und Problemanalysen.

  • Mit Anforderungen, Modellernen und Verschreibungen wird angestrebt, Erziehung zu üben.

  • Reflexionsangebote dienen dazu, die eigene Position zu finden und die eigene Identität der Eltern zu stärken.


Unsere systematische Vorgehensweise lässt sich wie folgt beschreiben:

Analyse:

Zunächst werden aufgrund der Schilderungen der Eltern kurze Episoden aus alltäglichen Interaktions-situationen, die von den Eltern als konflikthaft und belastend erlebt werden, für eine Analyse ausgewählt. Diese Sequenzen werden in Bezug auf ihren Ablauf mit den Eltern rekonstruiert. Dabei geht es uns darum, zunächst diese Sequenzen selbst zu verstehen und damit den Familien selbst ein neues "Verständnis" der Situationen zu ermöglichen. In der Folge können Eltern anfangen, das Verhalten ihres Kindes aus einer anderen Perspektive zu sehen und mögliche Gründe für deren Verhalten neu zu erkennen. Sie sollen aber auch mit dem Blick auf ihr Verhalten eine andere Perspektive entwickeln können und die Wirkungen ihres Handelns auf die Beziehung zu ihrem Kind betrachten.

Veränderung:

Aus dieser Analyse können gemeinsam mit den Eltern neue Umgehensweisen miteinander entwickelt werden. Es werden neue Formen des Umgangs der Eltern mit ihrem Kind entwickelt, bei denen entwicklungsförderliche Verhaltensweisen der Eltern im Mittelpunkt stehen. Außerdem wird die Art und Weise der Umsetzung dieser neuen Interaktionsformen erarbeitet.
Die Bewertung der Wirkungen des veränderten Elternverhaltens auf die Entwicklung des Kindes wird gemeinsam mit den Eltern differenziert beschrieben. Durch diese "Evaluation" sollen Eltern in der Veränderung ihres Verhaltens verstärkt werden.

Hierzu werden von uns die vereinbarten Elterngespräche im 14tägigen Abstand genutzt.

Familientherapie / Training:

Wenn wir Angebote zur Familientherapie oder Trainingsangebote entwickeln, setzen wir voraus, dass ein erster, wenn auch vielleicht kleiner Wunsch nach Veränderung der zurzeit vorhandenen familiären Strukturen vorhanden ist. Wir beziehen dann das Interaktions- und Kommunikationssystem der gesamten Familie mit ein, mit dem Ziel gemeinsam mit der Familie Veränderungsmöglichkeiten zu suchen und diese in veränderter Haltung und Handlung im Alltag der Familie spürbar werden zu lassen. Die Partner bei dieser Form der Intervention können einzelne Familienmitglieder, die Eltern als Paar oder auch ein erweitertes Familiensystem sein.

Ziel ist:

Gemeinsam mit den Eltern die Verhaltensprobleme des Kindes in der Familie herauszuarbeiten, das entsprechende Verhalten zu beschreiben, den Belastungsgrad und die Häufigkeit zu erfassen und eine gemeinsame Bewertung mit der Familie dazu vorzunehmen. Der nächste Schritt greift typische alltägliche Interaktionen in der Familie auf und bietet schon die Möglichkeit gemeinsam nach Alternativen in den Interaktionen zu suchen. Hieraus können sich auch gemeinsame Ziele ableiten lassen. Dabei ist eine genaue Definition der Ziele mit möglichst konkreten Kriterien von großer Bedeutung.

Ablauf:

Es hat sich in der Arbeit als sehr hilfreich erwiesen, den Blick bewusst auf positive Erlebnisse der Kinder mit ihren Eltern zu richten. Dadurch erfolgt eine erste Veränderung elterlicher Problemfokussierung und nicht zuletzt damit verbunden auch ein erster Ansatz zu einer Veränderung der allein problemfokussierten Sichtweise.

In einem zweiten Schritt muss es immer darum gehen, nach und nach positive Handlungsabläufe und Kommunikation, z.B. den Aufbau von angemessenem Spielverhalten zwischen Kindern und ihren Eltern aufzubauen.

Über verschiedene Methoden und Ansätze findet ein Aufbau effektiven Elternverhaltens statt, das dazu dient, dem Kind wirkungsvolle Aufforderungen zu geben, es angemessen zu kontrollieren und angemessene negative Sanktionen auf kindliches Fehlverhalten folgen zu lassen.

Gegebenenfalls werden mit den Eltern zusammen auch Tokenprogramme entwickelt und durchgeführt.

In diesem Zusammenhang wird Selbstinstruktionstraining bei den Kindern in der Gruppe oder den Erziehungsstellen / Profifamilien eingesetzt, damit sich eine Verbesserung kindlichen Verhaltens ergibt, die
die Veränderungsmomente bei den Eltern stabilisieren und weiter fördern. Selbstinstruktion stellt eine kognitive Intervention dar, die die Steuerung des eigenen Verhaltens verstärkt in die Verantwortung des Kindes legt. Dies ist einerseits ein wesentliches Ziel jeder pädagogischen Intervention und darüber hinaus werden andererseits die Eltern entlastet, wenn Kinder ihr Verhalten selbst kontrollieren können. Dabei kann es sich um die Hausaufgabensituation, Verhalten in der Öffentlichkeit oder in anderen Situationen handeln.


Literatur:
Haensel, Markus, Grundlagen systemischer Therapie, S.1 , 2003

Adler, Helmuth, Formen der Eltern- und Familienarbeit in der Jugendhilfe, Unsere Jugend, 2001, Heft 5, S. 194-2004

Adler, Helmuth, Formen der Eltern- und Familienarbeit in der Jugendhilfe, Unsere Jugend, 2001, Heft 4, S. 149-158

Qualität durch Beteiligung in der Hilfeplanung nach § 36 SGB VIII,
http://www.lwl.org/lja-download/pdf/I_und_K_37.pdf

Neumeyer , Willibald, Der Zusammenhang von Elternarbeit und Hilfeverlauf, Ergebnisse einer Untersuchung in den heilpädagogischen Wohngruppen des Jugendhilfezentrums Schnaittach, Interna, 2001,
http://www.jhz-schnaittach.de/service/artikel_i01_neumeyer01.htm

Schindler, H. (1996). Familienorientierte Arbeit im Heim. In Schindler, H. (Hrsg.). Un-heimliches Heim. Fami-lientherapeutische und systemische Ideen für die Heimerziehung (37-53). Dortmund: Verlag Modernes Lernen

Heekerens, H.-P. (1997). Elterntraining und Familientherapie - Gemeinsamkeit trotz Unterschiedlichkeit. Kind-heit und Entwicklung, 6, 84–89.


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1 Haensel, Markus, Grundlagen systemischer Therapie, S.1, 2003
2 Haensel, Markus, Grundlagen systemischer Therapie, S.3, 2003



Stand Juli 2013